Fürsorgliche Väter brauchen Unterstützung

 

NABU LIFE-Projekt untersucht die Bestände der Geburtshelferkröte in Südostniedersachsen

Rinteln, Goslar, Hannover. Der NABU Niedersachsen hat im Rahmen des Amphibienschutz-Projektes LIFE BOVAR im Frühjahr und Sommer 2018 ein Monitoring der Geburtshelferkröte in der Projektregion in Südost-Niedersachsen durchgeführt. Dabei werden in der Regel Rufergruppen der nachtaktiven, heimlich lebenden Amphibienart gezählt und Nachweise auf erfolgreiche Fortpflanzung dokumentiert. Aktuell ist der Bestand der Art in Niedersachsen stark rückläufig. Es gibt nur noch wenige größere Vorkommen. Über das NABU-Projekt sollen Artenschutzmaßnahmen für die Geburtshelferkröte in geeigneten Lebensräumen umgesetzt werden.

 

Die Geburtshelferkröte zählt, mit einer Größe von nur 3,5-5 cm zu den kleinsten Froschlurchen Deutschlands. Nur selten bekommt man die graubraunen Amphibien auch wirklich zu Gesicht. Oft sitzen sie gut versteckt in Erdhöhlen oder unter Steinen an wärmebegünstigten, vegetationsarmen Plätzen. Doch zu Beginn der Dämmerung kann man in ihrem Lebensraum – mit etwas Glück – die glockenähnlichen Rufe dieser Tiere hören. Wie ihr Name schon vermuten lässt, ist die Geburtshelferkröte vor allem wegen der männlichen Brutpflege bekannt. So findet man den Laich nicht wie bei anderen Lurchen im Wasser, sondern das Männchen trägt die befruchteten Laichschnüre mehrere Wochen um seine Hinterbeine gewickelt mit sich herum, bis es sie ins Wasser absetzt und die Kaulquappen schlüpfen.

               Foto: Bruno Scheel / NABU

Trotz dieser Fürsorge gehört die Geburtshelferkröte in Niedersachsen zu den stark gefährdeten Arten der Roten Liste. Ihr Verbreitungsgebiet beschränkt sich in Niedersachsen größtenteils auf das Weser-Leine-Bergland und den Harz. Hierbei sind der Verlust von geeigneten Landlebensräumen durch Verbuschung, den Verlust von Trockensteinmauern, das Verschwinden geeigneter Gewässer, sowie der Besatz von räuberischen Fischen die größten Gefährdungsursachen, die besonders auch im Siedlungsbereich wirken, wo Geburtshelferkröten sonst einen geeigneten Lebensraum finden können. Um dem Verschwinden dieser Froschlurche entgegenzuwirken, wurde das LIFE-Projekt „Management der Gelbbauchunke und anderer Amphibienarten dynamischer Lebensräume“ – kurz: „LIFE BOVAR“ – ins Leben gerufen, welches im März 2018 startete. Hierbei handelt es sich um ein Förderprojekt der Europäischen Union (EU), welches mit Mitteln aus dem EU-Umweltprogramm – Schwerpunkt Natur und Biodiversität – gefördert wird. Der NABU-Niedersachsen ist Projektträger. Im Rahmen dieses Projektes sollen in den Projektgebieten günstige Lebensraumbedingungen für die Geburtshelferkröte wiederhergestellt werden. Dazu gehören die Sanierung und Neuanlage von Kleingewässern, die Entwicklung von Sommerlebensräumen durch Entbuschung und Rohbodenanlage sowie die Anlage vereinzelter Steinschüttungen, wenn Landlebensräume nicht mehr ausreichend Strukturreichtum bieten. Doch auch im eigenen Garten lässt sich etwas für die Art tun. So beispielweise durch die Anlage eines Teiches oder einer Trockensteinmauer, die Nischen als Unterschlupft bietet.

 

Aktuell geht der Kenntnisstand zur aktuellen Bestandssituation der Geburtshelferkröte in Niedersachsen auf das Jahr 1999 und einige aktuellere Kartierungen zurück. Das Projekt unterstützt die Kartierungen in den Projektgebieten im Verbreitungsgebiet der Geburtshelferkröte in Südost-Niedersachsen. So wurden in diesem Jahr Kartierungen in den Gebieten, in denen diese Art bekannt war durch den NABU Niedersachsen durchgeführt. Dabei stellte sich heraus, dass die Geburtshelferkröte in vielen Gebieten verschollen oder sogar schon ausgestorben ist – so beispielswiese in Erdfällen am südlichen Harzrand. Im Landkreis Schaumburg scheint die Bestandssituation der Geburtshelferkröte ebenfalls beunruhigend zu sein. Früher kam die Geburtshelferkröte noch in mehreren Gebieten vor. Das ehemals größte Vorkommen im Landkreis bei Rinteln befindet sich, wie andere Vorkommen, auf einem sehr niedrigen Bestandsniveau. Andere kleine Vorkommen bestehen gar nicht mehr oder weisen ebenfalls maximal fünf Rufer auf. Damit die Rufe der Geburtshelferkröte im Schaumburger Land bald wieder häufiger zu hören sein werden, sind bereits Maßnahmen in Vorbereitung. Das Problem der Art ist, dass sie oft bei Planungsvorhaben übersehen wird und nicht ausreichend Gewässer zur Fortpflanzung vorgehalten werden oder Versteckplätze, wie beispielweise Steinhaufen entfernt werden.

 

Im Landkreis Goslar fanden sich noch zwei Populationen, deren Bestände noch relativ groß waren. Obwohl hier eine recht große Anzahl von rund 100 Rufern dokumentiert werden konnte, bestehen hier Probleme aufgrund des Fischbesatzes in den ehemaligen Fortpflanzungsgewässern. Um die Population hier stabil zu halten, sind die Neuanlage von fischfreien Gewässern und die Entbuschung der Sommerlebensräume bereits in Planung. Aktuell wurde über das Projekt LIFE BOVAR bereits eine Sofortmaßnahme zur Gewässeranlage umgesetzt. In Zukunft soll so die Population stabilisiert werden, damit der mysteriöse Glockenruf auch in Zukunft noch an der einen oder anderen Stelle zu hören sein wird.

               Foto: Bruno Scheel / NABU

Projekthintergrund

Der NABU Niedersachsen widmet sich – gemeinsam mit seinen Projekt- und Kooperationspartnern – in dem Projekt LIFE BOVAR dem Management der Gelbbauchunke und anderer gefährdeter Amphibienarten der gezielten Entwicklung dynamischer Lebensräume für den Artenschutz.

 

Wichtigste Ziele des Projektes sind die Umsetzung von praktischen Artenschutzmaßnahmen für gefährdete Amphibienarten, die Wiederherstellung und Optimierung günstiger Lebensraumbedingungen und die Stärkung des Biotopverbundes durch Trittsteine und teilweise Wiederansiedlung, um isolierte Populationen miteinander zu vernetzen. Dabei sollen die Zielarten Gelbbauchunke, Geburtshelferkröte, Kreuzkröte und Kammmolch profitieren. Außerdem soll ein Beitrag zur Wiederherstellung des ursprünglichen Verbreitungsgebietes der Arten geleistet werden.

 

Zusammen mit den Projektpartnern aus den Niederlanden (Stichting IKL), dem Schulbiologiezentrum Hildesheim, der Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz aus Soest, der NABU-Naturschutzstation Aachen, den Ländern Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen werden über einen Zeitraum von acht Jahren Projektaktionen und Artenschutzmaßnahmen durchgeführt, die einen Beitrag zur biologischen Vielfalt leisten sollen. Wie für LIFE-Projekte üblich, werden dabei Instrumente für die langfristige Sicherung und Pflege der Lebensräume entwickelt werden. Um das Bewusstsein für die biologische Vielfalt zu stärken, werden auch Aktionen zur Information– wie die Auftaktveranstaltung – durchgeführt.

 

EU-Kommission, Projektpartner, Projektförderer und Unterstützer haben das Projekt mit einem Gesamtvolumen von gut 4,6 Mio. Euro ermöglicht.

 

Projektförderer

Das LIFE-Projekt „Management der Gelbbauchunke und anderer Amphibienarten dynamischer Lebensräume“ – kurz: „LIFE BOVAR“ – ist ein Förderprojekt der Europäischen Union (EU) und wird hier mit Mitteln aus dem EU-Umweltprogramm – Schwerpunkt Natur und Biodiversität – gefördert. Ferner unterstützen das Land Niedersachsen mit Mitteln des Niedersächsischen Ministeriums für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz (MU), das Land Nordrhein-Westfalen mit Mitteln des Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen (MULNV), die Niedersächsische Bingo-Umweltstiftung, die Niedersächsischen Landesforsten, der Kreis Minden-Lübbecke, die Landkreise Goslar, Hameln-Pyrmont, Hildesheim, Holzminden, Schaumburg, die Region Hannover, die Städte Hannover und Hildesheim, der NABU Landesverband Nordrhein-Westfalen, der NABU Kreisverband Minden-Lübbecke und die Firma Saint-Gobain Formula GmbH das Projekt.